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„Für den Frieden der Welt“
Der Krieg ist kein Gesetz der Natur, der Frieden kein Geschenk

Manfred Grätz
Generalleutnant a.D.

„Frieden“, „Für den Frieden der Welt“ - wie erhaben diese Worte klingen, nahezu feierlich. Oft ausgesprochen, gewohnheitsgemäß, ja, achtlos, oberflächlich mitunter.
Klingt ja gut!

Doch was verbirgt sich hinter diesen Worten? Was ist ihr tieferer Sinn?
Sind das Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte der Menschen?
Wenn ja, wessen?
Ist es ein Programm, ein edles, hehres Ziel?
Und wieder, wenn ja, wessen?
Wie weit sind wir davon entfernt, in der Welt voller Kriege, Konflikte, Terror, Not und Elend?
Und schließlich: Ist die Welt überhaupt friedensfähig, solange es möglich ist, am Krieg zu verdienen?   
      „trägt doch der Kapitalismus den Krieg in sich, wie die Wolke den Regen“
     so Jean Jaures, französischer Politiker des 20. Jahrhunderts.
     Johannes R. Becher kleidete es in die Worte:
     „Der Krieg ist ein Patent der bürgerlichen Gesellschaft und wird als solches          
     gesetzlich geschützt.“

Mehr Fragen, als Antworten in 15 Minuten hinreichend überzeugend gegeben werden können.
Versuchen wir es dennoch, durch Konzentration  auf jene Probleme, die uns alle bewegen, in gebotener Kürze.

Die gegenwärtige Weltlage nährt wenig Hoffnung, hat kaum Optimistisches zu bieten. Die Welt scheint aus den Fugen geraten.
Es brennt auf nahezu allen Kontinenten unserer Erde, auch in Europa.
Schon eine Aufzählung der gegenwärtigen Kriege genügt, um die Ausmaße der Gefahr und den Ernst der Lage zu verdeutlichen.
Das vorangegangene Video „Nie wieder Krieg“ hat es eindrucksvoll gezeigt

Allein 2016/17 zählte das Heidelberger Institut für Internationale  Konfliktforschung
19 Kriege und 225 gewaltsame Konflikte.

Die kapitalistische Welt, unter Führung der USA, verklausuliert auch „westliche Wertegemeinschaft“ genannt, getrieben von der Gier nach alleiniger Weltherrschaft und neuen ökonomischen Einfluss-sphären, maßt sich an, historisch entstandene Kulturen, Länder, ganze Regionen nach dem fragwür-digen Muster sog. freiheitlich parlamentarischer Demokratien reformieren zu wollen.

Keiner der Kriege der jüngeren Vergangenheit, ohnehin unter fadenscheinigen, auf Lügen beruhenden Begründungen angezettelt, hat jedoch die vorgetäuschten Kriegsziele – „Kampf dem Terror“ - je erreicht.
Ausnahmslos  alle haben Not und Elend im Lande vermehrt und Terror geboren,
     ganz so, wie es Jürgen Todenhöfer einmal formulierte:
     „Antiterror-Kriege sind Terror-Zuchtprogramme“.

Der Antikommunismus, jene Jahrhundert-Torheit, die seit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution verstärkt ihr Unwesen treibt, trägt täglich neue Blüten. Der alte Feind Russland ist neu entdeckt. Eine Russophobie ohnegleichen ist wieder ausgebrochen. Lügen und Diffamierungen sind an der Tagesord-nung.

„Rußland ist die Wurzel allen Übels“, so der Mainstream der westlichen Welt, dabei geflissentlich verschweigend, dass es die NATO ist, die marschiert, marschiert gen Osten.

Hier nur wenige, ausgewählte Fakten:

Seit März 1999 wurden 13 osteuropäische Staaten in die NATO aufgenommen.
     Wie verkündete doch Wörner im Jahre 1990, damals Generalsekretär der NATO,
     vorher deutscher Verteidigungsminister?
     „Die Tatsache, dass wir bereit sind, keine NATO-Truppen außerhalb des  
     Territoriums der BRD zu stationieren, gibt der SU feste Sicherheitsgarantien.“  

Mit Aufnahme der Baltischen Staaten im März 2004 erfolgte die Stationierung von Luftwaffeneinheiten der NATO-Staaten zunächst in Litauen, später in Estland, zur „Luftraumüberwachung und zum Schutz des Luftraumes der Baltischen Staaten“;
„Airpolicing“ wird das Ganze genannt,  seit 2014 sogar „verstärktes Airpolicing“, weil mit 8 bis 12  NATO-Kampfflugzeugen aus zwei oder mehr Staaten verstärkt.

2016 dann der nächste wortbrüchige Beschluss der NATO-Ratstagung in Warschau zur Stationierung von vier gemischten Kampfbataillonen zu je 1000 Soldaten mit entsprechender Ausrüstung in den drei Baltischen Staaten und in Polen, eines davon, in Litauen, unter deutscher Führung.
Außerdem, ohne große mediale Aufmerksamkeit,  Verlegung einer US-Panzerbrigade in diese vier Länder.

Beginnend unter US-Präsident Bush jr. Errichtung eines sog. Raketenabwehrsystems mit Startstel-lungen in Polen und Rumänien, Groß-Radaranlage in der Türkei, vier mit Abwehrraketen bestückten Kampfschiffen im Mittelmeer und der Kommandozentrale in Ramstein.

Seit mehreren Jahren beobachten wir die zunehmende Manövertätigkeit der US-geführten Militärallianz in den östlichen Staaten, unweit der Westgrenze Rußlands, mit dem Ziel, die „Abschreckungsfähigkeit“ zu erhöhen.

„Anakonda“, „Saber Strike“, „Iron Wolf“ werden diese Übungen z.B.genannt.

Allein an der Übung „Anakonda“, einem von mehreren solcher Manöver, im Juni vergangenen Jahres nahmen Kontingente aus 24 Staaten, darunter bezeichnender Weise auch aus der Ukraine, mit insge-samt 31.000 Soldaten, 3000 Fahrzeugen, 105 Flugzeugen und 12 Kampfschiffen teil.

Da nehmen sich doch die 12.700 Soldaten, davon 5.500 aus Rußland, 250 Panzer, 200 Geschütze, 70 Flugzeuge und 10 Schiffe, die am lange angekündigten gemeinsamen Manöver „Sapad 2017“ Rußlands und Weißrußlands teilnehmen, - wohlgemerkt auf eigenem Territorium - vergleichsweise bescheiden aus.

Und die bedrohen nun die NATO!
Welch abenteuerliche Argumentation!  

Für das Jahr 2017 wurden wieder mehrere NATO-Manöver an der Westgrenze Rußlands angekündigt und durchgeführt. „Saber Strike“ und „Iron Wolf 2017“, im Juni und Juli in den Baltischen Staaten, wiederum unverkennbar gegen Rußland gerichtet, reihen sich ein in die Kette der Provokationen, na-türlich unter dem Vorwand, „die Sicherheit der Menschen in den östlichen NATO-Ländern zu erhöhen“ und sie vor einer „russischen Aggression zu schützen.“

Welch abenteuerliche Argumentation!

Nimmt man die verstärkten NATO-Aktivitäten in der Ostsee und im Schwarzen Meer hinzu, besonders deutlich seit der Wiedereingliederung der Krim in die Russische Föderation; die durch NATO-General-sekretär Stoltenberg angekündigte Erhöhung der Militärpräsenz im Schwarzen Meer; die jüngsten Aktivitäten der NATO in Georgien in Form von Kriegsspielen und Übungen im Raum Tiflis (unter Teil-nahme der Nicht-NATO-Mitglieder Georgien, Armenien und Ukraine), dann hat man die fortschreitende Umklammerung, Einkreisung Rußlands im wahrsten Sinne des Wortes auch bildlich vor Augen!

Aber, und das ist das Perverse: Die im Mainstream vereinten Medien der westlichen Welt tönen ohne Unterlass: „Die Kriegsgefahr geht von Russland aus. Putin ist es, der die Welt bedroht.“

Welch eine Scheinheiligkeit, welch eine Lüge!

Wer fragt eigentlich nach den Gefühlen, Empfindungen, Sehnsüchten der Menschen in Russland, jetzt, 76 Jahre nach dem faschistischen Überfall auf ihr Land?
Wer unternimmt auch nur den Versuch, sich hineinzudenken in die Gefühlswelt z.B. jener Menschen in der St. Petersburger Region, die selbst noch oder deren Eltern und Großeltern die Blockade Leningrads in schrecklichster Erinnerung haben und nunmehr wieder Panzer faktisch vor ihren Toren wissen, darunter auch deutsche?

Die Haare sträuben sich bei all jenen, die die russische Seele, die „russkaja dusha“ kennen und lieben gelernt haben, und deren Sehnsucht nach Frieden. Und das sind Viele von uns hier im Saale.

Schlimm und beängstigend für uns alle, dass die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Bundeswehr maßgeblich beteiligt ist, mittendrin steckt in diesem die Welt bedrohenden neuerlichen Chaos.

Allein die Tatsache, dass sich die Bundeswehr zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Stand Juli 2017) an insgesamt 15 Auslandseinsätzen mit über 3200 Soldaten beteiligt und  der sog. Genehmigungswert für den Rüstungsexport im Jahre 2016 der zweithöchste jemals beschlossene war, - allein das ist Anlass genug zu ernster Sorge.

Kein Wunder allerdings, wenn man sich das „Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr“ vom Jahre 2016 zu Gemüte führt, welches für sich in Anspruch nimmt, das „oberste sicherheitspolitische Grundlagendokument Deutschlands“ zu sein.

In diesem Dokument ist nunmehr der Führungs- und Machtanspruch Deutschlands schwarz auf weiß geregelt, nachdem er von Gauck, Merkel und v.d. Leyen wiederholt, insbesondere seit der letzten Münchener Sicherheitskonferenz, immer wieder proklamiert wurde.
In unterschiedlichen Formulierungen  zieht sich dieser Machtanspruch wie ein roter Faden durch das gesamte Dokument, dabei auf die Lehren der Vergangenheit verweisend, so als habe es den vom deutschen Faschismus entfesselten 2. Weltkrieg nie gegeben.

Wie ein Hohn mutet es an, wenn man liest:
„Die Staaten Europas haben – gemeinsam mit den USA – auf dem europäischen Kontinent seit dem Ende des Kalten Krieges eine einzigartige Friedensordnung geschaffen“.
Etwas einschränkend folgt dann:
„ … auch wenn diese Friedensordnung den Ausbruch vorübergehender, lokal begrenzter gewaltsamer Auseinandersetzungen in Europa nie ganz verhindern  konnte ...“
    Aha, so schlimm war es also gar nicht mit den Balkankriegen in den 90er Jahren
    mit ihren nach Hunderttausenden zählenden Toten!

Makaber aber wird es, wenn man im gleichen Atemzug fortfährt:
„Durch seine auf der Krim und im Osten der Ukraine zutage getretene Bereitschaft, die eigenen Interessen auch gewaltsam durchzusetzen und völkerrechtlich garantierte Grenzen einseitig zu verschieben, stellt Rußland die Europäische Friedensordnung offen in Frage. Dies hat tiefgreifende Folgen für die Sicherheit in Europa und damit auch für die Sicherheit Deutschlands. …
Rußland wendet sich damit von einer engen Partnerschaft mit dem Westen ab und betont strategische Rivalität. …
Ohne eine grundlegende Kursänderung wird Rußland somit auf absehbare Zeit eine Herausforderung für die Sicherheit auf dem europäischen Kontinent.“
     Da ist er wieder, der Feind Nr. 1!

Vergessen die Rede des russischen Präsidenten vor dem Deutschen Bundestag im Jahre 2001, in der er Europa die Hand reichte und „eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft“ anbot.

Vergessen auch seine Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007, in der er deutlich hervorhob, dass sich „Rußland durch die amerikanische Hegemonie und die NATO-Osterweiterung bedroht sieht“.

Vergessen natürlich auch der Vorschlag Medwedjews für einen europäischen Sicherheitsvertrag aus dem Jahre 2008, der im Westen ohne nennenswerte Resonanz blieb.

Ja, so werden Menschen für einen Krieg manipuliert.
Berthold Brecht drückte das mit der ihm eigenen direkten Sprache einmal so aus:
„Die Kapitalisten reden vom Frieden, um den Krieg führen zu können“.

Ernüchterndes Fazit aus alledem:
Die Lage in der Welt ist ernst. Wir leben in latenter Kriegsgefahr. Die Gefahr der Ausweitung lokaler Kriege und Konflikte zu einem Weltenbrand ist groß.
Und ein unberechenbarer, nach Alleinherrschaft strebender US-Präsident mit seinem  Slogan „America first“, der die „völlige Zerstörung“ ganzer Völker und Staaten“ androht, die Existenz von weltweit 700 US-Stützpunkten und -Basen, die Stationierung von ca. 250.000 US-Soldaten in 38 Ländern, machen das Ganze nicht sicherer.
Und ebenso ernüchternd wie makaber: Im gerade zu Ende gegangenen „Wahlkampf“ zur Wahl des Deutschen Bundestages kamen die Worte Frieden und Kriegsgefahr, wenn überhaupt, nur in Nebensätzen vor. 
Nunmehr – nach der Wahl – meine dringliche Bitte an die neuen Regierenden: Machen Sie die Erhaltung des Friedens endlich zum Regierungsprogramm. Ohne Frieden ist alles Nichts!

Was können wir tun?
Wir alle sind gefordert. Frieden, dieses oft gebrauchte, edle Wort, muss uns mehr bedeuten als Sehnsucht, Wunsch, Hoffnung.
Lasst es uns zu einem machtvollen Programm, zu einer Aktion machen, wofür zu arbeiten und zu kämpfen lohnt, zu einer Aktion, die Solidarität, Hilfe und Unterstützung für alle Betroffenen in Kriegs- und Krisengebieten, einschließt.

Der Verein „Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V.“ hat gezeigt, wie es gehen kann.
Das gezeigte Video war beeindruckend. Unser Verband möchte mit einer Spende von 300,00 EUR dafür danken und ermutigen, mit dem gleichen Engagement weiterzumachen.

Albert Einstein mahnte schon vor mehr als 100 Jahren:
     „Bloßes Lob des Friedens ist einfach, aber wirkungslos. Was wir brauchen, ist
      Teilnahme am Kampf gegen den Krieg und alles, was zum Kriege führt.“
Ganz in diesem Sinne äußerte sich auch Georgi Dimitroff:
     „Es genügt nicht, den Frieden zu wollen, für den Frieden muss man kämpfen.“ 

Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deusch-Russischen Forums, hat es, Egon Bahr zitierend, aktualisierend auf die heutige Situation, auf den Punkt gebracht, indem er allen, die gern die westliche Wertegemeinschaft als das Non plus Ultra preisen, ins Stammbuch schrieb:
     „Nicht Demokratie und Menschenrechte, nicht einmal die Freiheit, sondern der Frieden muss global der oberste Wert bleiben.“

Unser „Verband zur Pflege der Traditionen der NVA und der GT der DDR“ hat bereits vor zwei Jahren anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus gemeinsam mit ISOR einen vielbeach-teten Aufruf „Soldaten für den Frieden“ gestartet, dem sich mittlerweile weit über 1000 Gleichgesinnte angeschlossen haben und der in Ost und West eine erstaunliche Resonanz gefunden hat.

Nunmehr, nach zwei Jahren, haben wir eine Friedenspublikation veröffentlicht, in der unter anderen 25 namhafte Militärs der NVA und der Grenztruppen, Unterzeichner jenes Aufrufes, erneut ein leiden-schaftliches Bekenntnis gegen den Krieg, für den Frieden ablegen und ihren Stolz zum Ausdruck bringen, in jener deutschen Armee gedient zu haben, die keinen Krieg geführt hat, in der NVA der DDR.

Möge auch von unserer heutigen Veranstaltung das Signal, der flammende Appell ausgehen, alles nur Menschenmögliche gegen den Krieg, für die Erhaltung des Friedens, zu tun.

All das sagt ihnen ein ehemaliger Soldat, der 38 Jahre seines Lebens bewusst und überzeugt in der NVA der DDR gedient hat, nachdem er, damals noch im Kindesalter, den 2. Weltkrieg erlebt, persönliches Leid erfahren, seinen Vater verloren und den Krieg regelrecht hassen gelernt hatte.
Und dessen einzige Motivation, Soldat zu werden es war, seinen bescheidenen persönlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der Welt leisten zu können.
Das ist uns, Soldaten des Friedens, gelungen. So lange wir dienen durften, Seite an Seite mit unseren Waffenbrüdern im Warschauer Vertrag, mit dem verpflichtenden Auftrag, der Menschheit den Frieden zu erhalten, hat es keinen Krieg in Europa gegeben.
Und darauf bin ich, sind wir alle, ich meine zu Recht, stolz.

Vortrag anlässlich der „Alternativen Einheitsfeier 2017“ des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden e.V. ; Berlin, 3.Oktober 2017