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Rezension von Generalleutnant a.D. Manfred Grätz

Paraden und Rituale der NVA

Schon der Titel des Buches macht neugierig und erheischt Aufmerksamkeit. Auch wenn die Herausgeber, alle drei durch vorangegangene Bücher und Schriften bereits bekannt und erfolgreich, dieses Buch all jenen widmen, „die an solchen Zeremoniellen und Ritualen beteiligt waren, sei es als Teilnehmer an einer Parade, bei der Verleihung von Truppenfahnen oder bei Vereidigungen“, darf man mit Sicherheit davon ausgehen, dass dieser Titel das Interesse eines weit größeren Personenkreises  finden wird.  Das vorauszusagen fällt insofern nicht schwer, ja folgt einer gewissen historischen Erfahrung, weil militärische Zeremonielle, gleich aus welchem Anlass, schon immer ein reges Interesse der Öffentlichkeit hervorriefen. Bezeichnenderweise haben exzellent paradierende militärische Formationen, begleitet von schnittigen Klängen bekannter Militärmärsche, die Anerkennung und Begeisterung ungezählter Menschen gefunden, unabhängig davon, welches gesellschaftliche Renommee das Militär in der jeweiligen Gesellschaft gerade hatte.

Allein die Vielfalt der im Buch vorgestellten Rituale und Zeremonielle geben einen interessanten Überblick über den Reichtum militärischen Brauchtums. Dabei fällt dem Insider auf, dass das eine oder andere Ritual schon in den alltäglichen militärischen Sprachgebrauch übernommen worden war, ohne dabei an ein Ritual oder Ähnliches zu denken. Der Rezensent meint damit solche schon zum Alltag gehörenden Vorgänge wie z. B. die Vergatterung oder aber auch die beliebten und von vielen Soldaten immer wieder herbeigesehnten Belobigungen und Beförderungen. Gut, dass sie in diesem Buch wieder richtig eingeordnet wurden.

Die Exaktheit und Genauigkeit, mit denen die Autoren die Vorbereitung, den Inhalt und den Ablauf der einzelnen Rituale beschreiben, spricht sowohl von gründlichem Studium zahlreicher Quellen als auch von großer Erfahrung in der militärischen Praxis, z.T. in verantwortlichen Funktionen bei der Durchführung militärischer Rituale. Das Buch gewinnt durch die Tatsache, dass es den Autoren gelungen ist, zielführende historische Bezüge zum Thema herzustellen, besonders gelungen im Abschnitt über Paraden. Das hilft gleichzeitig das Verständnis für militärische Traditionen der NVA zu vertiefen.

Zu Recht nehmen die Paraden in ihrer vielfältigen Form nahezu ein Drittel des Buches in Anspruch, sind sie doch die höchste und zugleich machtvollste Demonstration militärischer Meisterschaft und Stärke. Für jeden Teilnehmer an einer solchen Parade, ganz gleich, ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft, wird es mit Sicherheit ein unvergessliches Erlebnis bleiben, ganz gleich, wann und in welcher Funktion er dabei war. So mancher wird mit einem Anflug von Stolz seinen Kindern und Enkelkindern davon berichten, „damals dabei gewesen zu sein.“ Auch der Rezensent erinnert sich sehr gern an die Ehrenparaden der NVA  auf der Karl-Marx-Allee 1978 und 1979 zum 30. Jahrestag der DDR, bei denen er als Chef des Paradestabes tätig war.

Detailliert und präzise werden die verschiedenen Paradeformen, wie Land- und Feldparaden, Luftparaden, Flottenparaden, besondere Paraden und Trauerparaden beschrieben. Ganz besonders in diesem Abschnitt wird deutlich, welch hoher personeller, materieller, finanzieller und auch zeitlicher Aufwand vonnöten war, bevor das geplante Ereignis mit gefordertem militärischen Glanz überzeugend gegenüber jedermann „über die Bühne gehen“ konnte. Das eine oder andere persönliche Erlebnis, kleine Episoden am Rande, von Paradeteilnehmern lockern auf und bereichern das Geschriebene an Emotionen.

Es würde Ziel und Umfang dieser Rezension überschreiten, auf alle weiteren Kapitel dieses interessanten Buches einzugehen. Möge sich der interessierte Leser selbst ein Urteil bilden über die anschaulich dargestellten Rituale wie: Ehrenformationen,  Truppenfahnen und ihre Verleihung, Fahneneid und Schwur auf die Fahne, Verleihung von Traditionsnamen und Fahnenschleifen, Ernennungen und Beförderungen, Empfänge für Absolventen von Militärakademien, Vergatterungen, Kranzniederlegungen, Staatsbegräbnisse und Beisetzung mit militärischen Ehren sowie den sich immer größten Zuspruches erfreuenden Zapfenstreich.

Wenn ich ein Kapitel dennoch besonders erwähnen möchte, dann jenes über maritimes Brauchtum und Rituale der Volksmarine, weil es wohl – Seeleute und Angehörige unserer Volksmarine natürlich ausgenommen – am wenigsten bekannt und geläufig ist. Allein einzutauchen in die maritime Sprache, ist auch für eine „Landratte“ sehr interessant und auch das Brauchtum an Bord und weitere typisch seemännische Bräuche sind nicht nur interessant  sondern auch allgemeinbildend.

Möge die nachdenkliche und sehr emotionale „Reminiszenz  zum Schluss“ von Martin Kunze alle beteiligten Zeitzeugen zu ähnlichen Gedanken anregen und (vielleicht) Andersdenkende zu Neugier veranlassen.

Mein persönliches Fazit zum Buch:
Wertvoll, gelungen und eine Bereicherung des Schrifttums über die NVA.
Ein Dank an die Herausgeber.


Paraden und Rituale der NVA,
Herausgeber Hans-Georg Löffler, Bernd Biedermann, Wolfgang Kerner, edition berolina, Berlin 2015,
ISBN 978-3-86789-456-2,
Preis 14,99€
            

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