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Kein neues Wettrüsten?

Gedanken eines aufmerksamen Beobachters der Siegesparade vom 24. Juni 2020

Seitdem die USA begonnen hatten, aus einem Rüstungskontrollvertrag nach dem anderen auszusteigen, hat Russlands Präsident Putin wiederholt erklärt, dass sich Russland nicht wieder in ein Wettrüsten hineinziehen lassen wird. Das war Russlands Antwort auf die Hoffnungen Einiger in den USA, dass sie Russland ohne vereinbarte Obergrenzen bei wesentlichen Waffensystemen quasi automatisch in das alte Rüstungsschema aus den Zeiten des Kalten Krieges im 20. Jahrhundert ziehen könnten. So sollte nach der Sowjetunion nun auch Russland totgerüstet werden.

Präsident Putin hat ebenfalls wiederholt festgestellt, dass niemand in den USA zuhört, was Russland sagt. Die Parade zum 75. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland am 24. Juni 2020 war ein weiteres russisches Signal. „Hören Sie uns jetzt zu!“

Die russischen Land- und Luftstreitkräfte haben am 24. Juni einige jener Waffensysteme gezeigt, die es dem Land ermöglichen, mit den weltbesten Waffen nicht nur ein stupides quantitatives Wettrüsten zu vermeiden. Diese russischen Waffen zwingen ihre potentiellen Widersacher zu sehr kostspieligen Reaktionen und es ist diesmal Russland, das der Gegenseite die Richtung der Entwicklung aufzwingt. Im Allgemeinen nennt man das „die Initiative“ ergreifen und Anderen seinen Willen aufzwingen. Russland folgt eben nicht mehr alten sowjetischen politischen und militärischen Denkmustern. Das Land und seine Führung sind sich ihrer wissenschaftlichen und technologischen Stärken bewusst geworden.

Zu Land wurde das auf der Siegesparade unter anderem durch die Waffensysteme vorgeführt, die der tiefgestaffelten Luftverteidigung des Landes und der Truppen dienen. Sie sollen weder Flugzeugen und deren Flügelraketen, weder ballistischen Raketen noch Drohnen ein Durchkommen ermöglichen. Diese, zum Teil erstmals öffentlich vorgeführten, Abwehrkomplexe waren die Luftabwehrkomplexe S-400, S-350 und Pantsir-S1 und zur Begleitung der Landstreitkräfte die Komplexe S-300 W4 (W steht für „woiskowoy“), Buk-M3 und Thor M1. Die Buk-M3 hat eine so hohe Vernichtungswahrscheinlichkeit, dass künftig nur noch eine Rakete mit Hyperschallgeschwindigkeit auf ein Ziel abgeschossen wird. Auch das spart Kapazitäten und Geld und erweitert dennoch die Kampfmöglichkeiten des Waffensystems. Die gezeigten Luftverteidigungssysteme gewährleisten im Zusammenwirken ein dichtes Netz sich gegenseitig ergänzender und überlappender Zonen zur Abwehr aller möglichen Luftangriffsmittel in allen Geschwindigkeitsbereichen bis zum Hyperschall. In der NATO wurde für derartige Waffen der Begriff „area-denial“, also Zugangsverweigerung zu bestimmten Gebieten, geprägt. Salopp ausgedrückt könnte man sagen: „Du kommst hier nicht rein“.

Russland und China sind bisher die einzigen Länder, die über einsatzfähige Hyperschallflugkörper verfügen, aber das wird in der mittleren bis ferneren Zukunft nicht so bleiben. Die Raketenkomplexe S-400 und S-300 W4 können Ziele mit einer Geschwindigkeit bis zu 4800 Metern pro Sekunde bekämpfen. Das entspricht in etwa der 14-fachen Schallgeschwindigkeit. Die Radare und Computer der russischen Fla-Raketenkomplexe werden mit derartigen Zielen fertig, um ihre Raketen ins Ziel zu bringen Damit können auch Sprengköpfe ballistischer Mittelstreckenraketen abgefangen werden. Hyperschallwaffen, die zumindest in die Nähe der maximalen Abfanggeschwindigkeit der russischen Raketen kommen, besitzt auf absehbare Zeit nur Russland selbst. Das meinte Präsident Putin, als er feststellte, dass Russland bereits über die Abwehr für solche Waffen verfügt, an denen anderswo erst noch gearbeitet wird. Man könnte es das Hase-und-Igel-Prinzip nennen.

In Kombination mit den während der Moskauer Siegesparade nicht gezeigten, ebenfalls in ihrer Reichweite tief gestaffelten Komplexen des „Funkelektronischen Kampfes – FEK“ schließt Russland seinen Luftraum für Alle, die sich diesem in feindlicher Absicht nähern.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Russland auf Klasse statt Masse setzt, waren die am Himmel Moskaus paradierenden schweren Bomber Tu-95 MS. Sie sehen aus der Weite nur noch so aus, wie ihre alten Vorgänger. Ihr gesamtes Innenleben wurde digital modernisiert, sie haben leistungsgesteigerte Motoren und völlig neue Sensoren. Und sie wurden neu mit vier Pylonen für je zwei weitreichende Flügelraketen Kh-101/102 und einem neuen Revolvermagazin für 6 weitere dieser Flügelraketen im Inneren des Flugzeuges ausgestattet. Russland muss, um „die Anderen“ zu extrem aufwändigen und teuren Gegenmaßnahmen zu zwingen, keine sündhaft teuren „Stealth“-Bomber bauen und alle alten verschrotten. Mit einer Reichweite der Flügelraketen von offiziell bis zu 5500 km fliegt kein schwerer russischer Bomber auch nur in die Nähe gegnerischer Radare, Abwehrraketen oder selbst von Langstreckenjägern. Dieser Ansatz trifft auch auf die schweren Überschallbomber Tu-160 M zu, die an der 75. Siegesparade teilnahmen.

Noch ließ Russland bei der Luftparade „nur“ die bekannten Tu-22 M3 Langstreckenbomber fliegen. Wenn in Bälde auch Tu-22 M3M mit je 3-4 „Kinschal“ Hyperschallwaffen gezeigt werden, wird auch das wieder ein Signal sein, dass jeder Andere, vor allem aber die USA, genau zuhören sollte. Diese Waffenkomplexe entwerten ganze Flotten eines potentiellen Gegners. Statt wie bisher ein Bomben-Fliegerregiment Tu-22 M3 mit Kh-22-Flügelraketen gegen jeweils eine Flugzeugträgerkampfgruppe der USA „vorzuhalten“, reichen jetzt 2-3 Tu-22 M3M mit „Kinschal“- oder Kh-32 Flügelraketen zur Erfüllung derselben Aufgabe. Der Aufwand zur Produktion weniger Flugzeuge und ihrer Waffen und der Aufwand für den Bau einer kompletten Flugzeugträgerkampfgruppe mit all ihren Schiffen, Flugzeugen samt Bewaffnung und jeweils mindestens zwei Atom-U-Booten ist jedoch grundverschieden. Mit wenigen Flugzeugen entwertet Russland ganze Flotten. Genau das ist zwar eben immer noch Rüstung, aber kein hergebrachtes Wettrüsten, mit dem man sich im Zweifel selbst ruiniert.

Auf diese und andere Weise spart Russland trotz der zweifelsohne hohen Kosten der neuen oder modernisierten Waffenkomplexe gewaltige Ressourcen. Ein großer Teil der Mittel für neue Waffen geht zudem in die wissenschaftlichen Forschungsinstitute und die Modernisierung ganzer Wirtschafts­zweige. Einige davon, wie der Bau von Turbinen und Triebwerken, der Maschinenbau und die IT-Industrie wurden in den vergangenen Jahren fast komplett neu aufgebaut. Russland ist Vorreiter bei der Entwicklung neuer Werkstoffe, ohne die auch neue Waffen nicht machbar sind. Russland setzt bei seinen Streitkräften eben auf High-Tech und nicht auf das unsinnige Erdrücken eines Gegners mit Masse an Menschen und Material. Aber auch hier wollen viele in der NATO einfach nicht zuhören. Genau deshalb demonstriert Russland von Zeit zu Zeit, was es kann. Und manchmal ist der Schreck so groß, dass die USA in Kontaktforen mit Russland sogar jede Tagesordnung beiseitelegen und erklären: „Schon gut, wir haben es ja gehört.“

Die russische Führung ist sich durchaus darüber klar, dass die Voraussetzung für die oben beschriebene Politik ein hervorragendes Bildungssystem und ein kluges Volk ist. Moderne Auseinandersetzungen zwischen Staaten sind komplexe Prozesse, die letztlich ganze Nationen durchdringen. Auch deshalb wurden die „Nationalen Entwicklungsprogramme“ für das gesamte Bildungswesen und die Wissenschaft in Russland beschlossen. Der Weg zu ihrer Umsetzung wird lang und voller Widerstände sein. Mit welchem Erfolg er gegangen wird, wird auch auf den Paraden der kommenden Jahre zu sehen sein.

Lutz Vogt

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