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- Kasernen braucht das Land
31.10.2025
Täglich beglücken uns die Medien mit neuen Nachrichten, wie das Land und seine Bürger sich auf einen neuen Krieg vorbereiten sollen. Dank Sonderschulden, pardon Sondervermögen, spielt Geld keine Rolle. Eine der letzten Meldungen in den Medien war, dass die Bundeswehr 200 Liegenschaften in der Trägerschaft der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) weiterhin als strategische Reserve benötigt und diese nicht an die Kommunen übergeben werden.
Besonderes mediales Interesse verdienen die Standorte in Ballungszentren oder deren Nähe. Für einige gibt es konkrete Planungen zur Konversion. Die Kommunen werden sich damit abfinden müssen, einige Millionen in den Sand gesetzt zu haben. Wie wir täglich hören und lesen, ist genug Geld da, aber nur für die Aufrüstung und Kriegsfähigkeit, aber nicht für Verteidigungsfähigkeit und eine friedliche Zukunft. Das Problem der Kommunen, mit den ohnehin schon klammen Kassen wird sein, dass sie für bereits erbrachte Aufwendungen keine Entschädigung bekommen werden.
Schauen wir uns die Liste etwas genauer an. Weil, der Teufel liegt im Detail.
Der größte Teil der Liegenschaften entfällt auf Nordrhein-Westfahlen (38), Bayern (37), Baden-Württemberg (25) und Schleswig-Holstein (21). Das ist insofern verständlich, weil die zukünftigen Soldaten heimatnah einberufen werden sollen. Eine Fahrt von München nach Eggesin überfordert die Reichweite der Elektroautos und eine Wochenendheimfahrt mit der Bundesbahn würde die Ausbildungszeit auf drei Tage in der Woche verkürzen. Das ist natürlich ein schlechtes Beispiel, aber von Düsseldorf nach Goldberg sieht es auch nicht besser aus.
Von den östlichen Bundesländern ist Brandenburg mit 15 Liegenschaften am stärksten betroffen. Die Thüringer haben zurzeit nichts Interessantes, was die Bundeswehr nicht schon hat. In den anderen drei Bundesländern betrifft es 4 bis 6 Liegenschaften.
Die BImA hat in ihrem Fundus Immobilien ehemalige Militärliegenschaften nicht nur der Bundewehr, sondern auch der US-, britischen und französischen Streitkräfte sowie der Westgruppe der Streitkräfte Russlands.
Aus diesem bunten Mix hat die Bundeswehr zukünftig Bedarf. In Süddeutschland stehen ehemalige Liegenschaften der US-Streitkräfte auf der Wunschliste, in Nordrhein-Westfahlen sind es Liegenschaften, die die britische Rheinarmee nutzte.
Ohne jeden einzelnen Standort zu betrachten, lässt sich erkennen, dass sich eine Vielzahl der Liegenschaften etwas außerhalb der Städte befindet. So sollen 51 ehemalige Depots, Treibstoff- oder Munitionslager unterschiedlicher Größenordnung wieder in Betrieb gehen. Unter den wieder beanspruchten 28 Ausbildungsanlagen finden wir Standortübungsplätze und Schießanlagen. Sie lassen sich gut für die standortnahe Grundausbildung nutzen. Unter den 8 Flugplätzen und Erweiterungsflächen für diese, befindet sich im Osten nur Neubrandenburg-Trollenhagen. Außerdem sollen 6 Fla-Raketenstellungen, alle im Westen, wieder genutzt werden.
Schauen wir etwas näher auf den Wunschzettel. In Mecklenburg-Vorpommern soll das ehemalige Munitionslager-15 im Primer Wald bei Güstrow wieder an den Start gehen. Die Flächen westlich des Lagers sind von den Resten der ehemaligen Muna, die bis zum Beginn der 1990er Jahre als Kaserne der Westgruppe der russischen Streitkräfte genutzt wurden, beräumt und bieten so Raum für Erweiterungen. Der Flugplatz Trollenhagen bei Neubrandenburg, ehemals Sitz des Stabes der 3. LVD und des JG-2 „Juri Gagarin“ und weiterer Einheiten der LVD, steht als einziger Flugplatz im Osten auf der Liste. Galt die Sanierung der Start- und Landebahn vor 12 Jahren als noch zu teuer, spielt nach der „Zeitenwende“ dieses Thema für solcherlei Ausgaben keine Rolle mehr.
Hinter dem WGT-Objekt 15 in Schwerin-Görries verbirgt sich eine Fläche am Westrand des ehemaligen Schweriner Flugplatzes. Das heute noch eingezäunte hügelige Areal gehörte zum technischen und Ausbildungsbereich des funktechnischen Aufklärungszentrums der 82. Funktechnischen Aufklärungsbrigade und des 896. Fla-Raketenregimentes der 94. Gd. MSD.
Vor 32 Jahren wurde von hier der Luftraum über den Ostseeausgängen und Westeuropa überwacht, jetzt ist die Ostsee fast ein Binnenmehr der NATO und die Funkmessstationen stehen 600 km weiter östlich.
Die Frage nach Befindlichkeiten zur Sicherheit beantwortet sich von selbst.
Die Kommandantur Lübtheen gehört zum dortigen Truppenübungsplatz und wird wieder aktiviert.
Das Bundesland Sachsen-Anhalt hält ebenfalls einige interessante Flächen bereit.
Der Sportflugplatz Krähenberge bei Burg lässt sich mit leichten Fluggeräten aller Art nutzen.
Bis 1990 übten hier die auf ehemaligen Fliegerhorst stationierten Truppenteile und Einheiten der NVA, wie das PR-1, das AZ-19 und die Fallschirmjägerausbildungsbasis-40.
Hinter dem Eintrag Puschkin-Kaserne in der Hansestadt Stendal verbirgt sich eine Liegenschaft, die heute als Berufsschulzentrum genutzt wird. Mitte der 1930er Jahre für den Stab und ein Bataillon des Infanterie-Regiments 93 errichtet, nutzten von 1945 bis 1991 Truppenteile und Einheiten der 207. MSD der sowjetischen/russischen Streitkräfte die Kaserne. Sie war eine von drei Kasernen in der Stadt. Der Gebäude des technischen Bereiches sind abgebrochen und so ist Platz für Neues. Ob die Berufsschüler gleich von der Schule in die Kaserne wechseln möchten, versehe ich mit einem ?.
Gebäude des Berufsschulzentrums in Stendal
In der alten Garnison Halberstadt waren bis 1990 das Grenzregiment-20 und das Grenzausbildungsregiment-7, sowie bis September 1993 das 197. Gd. PR und das 112. Aufklärungsbataillon stationiert. Sie hatten ihre Standortübungsplätze und mindestens einer wird wieder in Nutzung genommen.
Die als ehemaliges Tanklager bei Elbe-Parey geführte Immobilie, geht auf eine alte Schießwollfabrik aus dem 1. Weltkrieg zurück. Im 2. Weltkrieg entstand in diesem Waldstück bei Güsen eine Nitro-Cellulose-Fabrik und eine TNT-Fabrikation mit Füllstellen. Die Fabrik war sehr verkehrsgünstig an der Berlin-Magdeburger Eisenbahn und in Elbnähe gelegen.
Bis 1993 nutzte das 376. Treib- und Schmierstofflager der 3. Stoßarmee die Liegenschaft. Nach 1994 wurde das Waldstück beräumt.
Bei der ehemaligen Kaserne in Schönebeck handelt es sich um eine Liegenschaft, in der das 248. Gd. MSR der 10. Gd. PD und Panzer- und Kfz-Instandsetzungseinheiten der 3. Stoßarmee stationiert waren.
Im Berliner Umland und damit in Brandenburg gibt es die größten Begehrlichkeiten im Osten.
Die Filetstücke rund um die Döberitzer Heide sind zwar nicht mehr zu haben, aber es gibt noch reichlich ehemalige Militärobjekte, die seit 30 Jahren und länger verfallen. Die jetzt fast unbeschränkt sprudelnden Geldquellen werden nicht zur Altlastenbeseitigung und Renaturierung, sondern für eine erneute militärische Nutzung genutzt.
Von den 15 gelisteten Liegenschaften sind dies u.a. die ehemaligen Kasernen der 2. NBr in Niederlehme, des NR-14 in Waldsieversdorf, des MSR-2 (Objekt 2) in Stahnsdorf, zwei Kasernen in Strausberg und die Kaserne des PiR-2 in Storkow.
In Groß Glienicke, am Rande der Döberitzer Heide, wird das Schieß- und Ausbildungsgelände wieder genutzt. Hoffentlich fühlen sich die Villenbesitzer auf dem ehemaligen Kasernengelände in Groß Glienicke nicht gestört.
Allein fünf Liegenschaften, davon zwei Tanklager, sind im Bereich Kummersdorf Gut – Sperenberg angegeben. Hier gibt es noch größere Flächen, die seit 1994 im Dornröschenschlaf vor sich hin verfallen.
Hinter der Bezeichnung bebautes Grundstück Kommandantur Limsdorf verbirgt sich das ehemalige Funksendeamt 1 des NR-14 mit seiner geschützten, d.h. verbunkerten, Sendeanlage. Die als ehemalige Kaserne gelistete Liegenschaft in Hennersdorf ist das ehemalige Raketen- und Waffentechnische Lager 2.
Die als ehemaligen WGT-Kaserne „Seewerk“ Restflächen gelistete Immobilie hat eine spannende Geschichte, die sich zu großen Teilen unter der Erde abspielte. 1939 bis 1943 wurde hier unter dem Namen Muna Ost oder Monturon-Werke eine Produktionsstätte für chemische Kampfstoffe errichtet. Auf der Basis dieser unterirdischen Anlagen wurde ab 1948 eine geschützte Führungsstelle für einen höheren Stab der Sowjetischen Streitkräfte ausgebaut und betrieben.
Die vier Liegenschaften Sachsen befinden sich im Norden des Landes an den traditionellen Standorten der Pulver- und Sprengstoffindustrie. Das ehemalige Munitionsdepot in Vogelgesang bei Elsnig soll ein drittes Leben erhalten. Scheinbar steht hier eine Erweiterung an, denn es wird ein Waldstück angeführt, dass sich im Eigentum der BImA befindet.
Vogelgesang und die nahe Waldsiedlung deuten auf die Historie eines alten Rüstungsstandortes hin. Ab 1936 ließ die Westfälisch-Anhaltinischen Sprengstoff AG eine der größten Sprengstofffabriken als Ersatz für ihre in Reinsdorf explodierte Fabrik errichten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Werk demontiert und gesprengt. Unter Nutzung noch vorhandener Lagerbunker und Infrastruktur wurde ab 1958 ein Munitionslager für die NVA eingerichtet. !990 trug es die Bezeichnung ML-42, ab 1973 kam das Labor für Munition 2 hinzu. Südlich des Munitionslagers wurde ab 1983 die Instandsetzungsbasis für Munition 2 errichtet. Sie ging 1985 in Betrieb und hatte die Aufgabe Artilleriemunition, Bomben, Minen, reaktive Geschosse und Panzerabwehrlenkraketen industriell instand zu setzen und Munition industriell zu entsorgen. Die Anlage wurden damals nach modernsten Gesichtspunkten errichtet.
Wache am des ehemaligen ML-42 bei Vogelgesang
Das ehemalige MDSG-Objekt Kossa steht für das Gelände des PiWL- und ChWL-13 bei Söllichau in der Dübener Heide. Ob die ehemalige geschützte Führungsstelle des MB III, heute Bunkermuseum Kossa, mit einbezogen wird, ist nicht auszuschließen. Der Standort hat eine Tradition als Rüstungsstandort, die bis in den 2. Weltkrieg zurück reicht.
Das ehemalige Munitionslager Mockrehna soll auch wieder reaktiviert werden. Das Gelände der ehemaligen Luftwaffenhauptmunitionsanstalt 2/IV nutzte nach 1945 das 17. Munitionslager der sowjetischen/russischen Streitkräfte. Ab 1957 wurde im nördlichen Teil, zwischen der Straße nach Strelln und der Eisenbahnstrecke Torgau–Eilenburg, das Munitionslager-13 der NVA betrieben.
Bei der Wiederinbetriebnahme der Mehrzahl der Objekte wird es sicher keinen Aufschrei der örtlichen Bevölkerung geben. Es werden gefährliche, aber willkommene Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen entstehen. Die Betonindustrie wird es freuen, bekommt sie doch auch etwas von dem Kuchen ab, der sonst nur unter Rheinmetall, Airbus, Hensold und Co. aufgeteilt wird.
Was an all diesen Liegenschaften fehlt, sind Tafeln, die Auskunft über deren Geschichte geben. Sie könnten aus meiner Sicht Anlass zum Nachdenken über den Umgang mit dem menschlichen Leben, über Krieg und Frieden sein.
Reinhard Parchmann, Major a.D.