12.02.2026

Leserbrief an den "Stralsunder Blitz"
anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der Nationalen Volksarmee der DDR

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

der Vorstand der Regionalgruppe Stralsund/Vorpommern des Verbandes zur Pflege der Traditionen der NVA/GT e.V. Admiral Wilhelm Ehm, möchten diesen Jahrestag nutzen, um mit ehemaligen Angehörigen der NVA ins Gespräch zu kommen und über das, was uns geprägt hat, zu sprechen. Erinnerung ist kein Schlussstrich, sondern ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Kurze Redebeiträge sind erwünscht.

Unser Traditionstreffen findet am 01. März ab 15.00 Uhr im Waldrestaurant An den Bleichen 45 b in 18435 Stralsund statt. Ehemalige Angehörige der NVA sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei, Getränke und Speisen gehen auf eigene Kosten.

Wir erinnern an die Gründung der Nationalen Volksarmee der DDR vor 70 Jahren am 18. Januar 1956. Dieser Jahrestag ist Anlass zur Rückschau, zur Einordnung und zur Auseinandersetzung mit unserer Geschichte – einer Geschichte, die viele von uns persönlich erlebt haben und die zugleich Teil der deutschen und europäischen Zeitgeschichte ist.

Die Nationale Volksarmee entstand in einer Zeit tiefgreifender weltpolitischer Spannungen und verstand sich immer als bewusst antifaschistische Armee. Sie knüpfte nicht an die Traditionen der Wehrmacht an, sondern suchte ihre historischen Bezugspunkte in anderen Linien: im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in der Arbeiterbewegung, in den internationalen antifaschistischen Brigaden und nicht zuletzt in der Erfahrung, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte. Dieser Anspruch war zentral für das Selbstverständnis der NVA und prägte ihre Symbolik, ihre politische Bildung und ihre Traditionspflege.

Zu den erklärten Traditionen gehörte das Gedenken an die preußischen Militärreformer Scharnhorst und Gneisenau, an Persönlichkeiten wie Ernst Thälmann, an die Kämpfer der Roten Kapelle, an Kommunisten, Sozialdemokraten und andere, die im Widerstand gegen das NS-Regime ihr Leben ließen. Diese Traditionslinie war – unabhängig von späteren politischen Bewertungen – ein bewusster Bruch mit der militärischen Vergangenheit Deutschlands vor 1945. Sie sollte eine neue Identität stiften und Verantwortung aus der Geschichte ableiten.

Eine prägende Tradition der NVA war ihr Charakter als Volksarmee. Der Name war Programm: Die Armee verstand sich als Armee eines Arbeiter- und Bauernstaates. Die Mehrheit der Soldaten kam aus einfachen sozialen Verhältnissen. Der Wehrdienst war für viele junge Männer eine prägende Lebenserfahrung. Kameradschaft, kollektive Verantwortung und Solidarität wurden als zentrale Werte vermittelt.

Dabei war die NVA zugleich fest eingebunden in das Bündnissystem des Warschauer Vertrages. Sie war Teil einer militärischen Konfrontation, die glücklicherweise nie in einen heißen Krieg in Europa mündete. Die Soldaten der NVA standen jahrzehntelang in hoher Einsatzbereitschaft, in dem Bewusstsein, dass ein militärischer Konflikt katastrophale Folgen gehabt hätte. Dass es nicht dazu kam, gehört auch ein Verdienst unsere Armee.

Die militärische Professionalität der NVA war unbestritten. Ausbildung, Disziplin und technischer Stand galten – auch bei ehemaligen Gegnern – als hoch. Viele ehemalige Angehörige der NVA erinnern sich bis heute an eine klare Struktur, an verlässliche Kameradschaft und an das Gefühl, Teil einer gut organisierten Streitkraft zu sein. Diese Erfahrungen gehören zur individuellen Lebensgeschichte hunderttausender Menschen und verdienen Respekt.

Ein besonderes Kapitel der Geschichte der NVA ist ihr Ende. 1990, im Zuge der deutschen Einheit, wurde die Nationale Volksarmee aufgelöst. Dieser Prozess bedeutete für viele Soldaten und zivile Angehörige einen tiefen persönlichen Einschnitt. Biografien wurden gebrochen, Leistungen nicht anerkannt, Erfahrungen entwertet. Die Traditionsfrage wurde danach oft einseitig beantwortet – mit dem Ergebnis, dass viele ehemalige NVA-Angehörige sich bis heute nicht gehört fühlen.

Am 3. Oktober 1990 wurde die NVA praktisch aufgelöst.

Über diesen Vorgang schrieb Egon Bahr, SPD-Politiker, führender Mitarbeiter von Willy Brandt und Mitgestalter der sogenannten neuen Ostpolitik, der vom 1. Juli bis 2. Oktober 1990 Berater beim DDR-Abrüstungsminister Rainer Eppelmann war:

„Zur Geschichte der NVA gehört, dass sie lange vor der Wende, wozu damals noch Mut gehörte, der politischen Führung der DDR klarmachte, dass sie sich nicht gegen das Volk einsetzen lassen würde. (…) Es war der Stolz einer Armee, sich geordnet und diszipliniert einzubringen oder zu übergeben oder sich aufzulösen, jedenfalls ihre Geschichte zu beenden.
Es ist zweifelhaft, ob das auch so ruhig verlaufen wäre, wenn den Betroffenen in vollem Umfang die Konsequenzen der Regelungen klar gewesen wären, die die westdeutsche Seite am 12. September vorlegte und die im Wesentlichen nur noch angenommen und durch den Minister (Eppelmann), der sich immer noch als verantwortlich bezeichnete, verkündet werden konnten.
Von da an wurde nur noch umgesetzt, abgewickelt, aufgelöst, übergeben. Drei Wochen später, am 3. Oktober, verweigerte die westdeutsche Seite der ostdeutschen den symbolischen Akt der Würde, die alte Fahne einzuholen, die neue zu hissen, den Einschnitt durch das Abspielen der alten und der neuen Hymne zu markieren."

Deshalb betrachten wir es als wichtig, an Jahrestagen wie diesem Raum für würdige Erinnerung zu schaffen, um Menschen und ihre Lebensleistung zu würdigen. Traditionen bestehen nicht nur aus Befehlen und Strukturen, sondern aus gelebtem Alltag, aus Kameradschaft, aus gemeinsam getragenem Dienst.

Wenn wir heute, 70 Jahre nach der Gründung der NVA, zurückblicken, dann tun wir das in einer Zeit, in der militärische Fragen in Europa wieder eine bedrückende Aktualität haben. Umso wertvoller ist die Erinnerung daran, dass es über vier Jahrzehnte hinweg gelungen ist, einen großen Krieg auf unserem Kontinent zu verhindern.

Traditionen sind kein starres Erbe, sie sind eine Aufgabe. Sie fordern uns heraus, die Geschichte mitzugestalten. Die Traditionen der NVA mahnen zu Frieden, zu internationaler Verantwortung und zu der Kenntnis, dass militärische Machtausübung immer politisch begründet ist.

Clausewitz: „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“.

 

Vorstand der Regionalgruppe Stralsund/Vorpommern

 

 

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