23.06.2026

Auf den Spuren „sibirischer“ Rotarmisten

 

Mit der Geschichte ist das so eine Sache. Man kennt die Fakten und Verläufe. Aber dann stößt man auf Zusammenhänge und bekommt ein viel komplexeres Bild. Richard Sorge hat nicht nur den Termin des Überfalls Hitlerdeutschland nach Moskau gemeldet, er hat auch gestützt auf eine Analyse der wirtschaftlichen Situation des japanischen Kaiserreiches versichern können, dass Japan den Fernen Osten der Sowjetunion nicht angreifen wird. Wir alle kennen das Bild der am 7. November 1941 über den Roten Platz paradierenden Divisionen aus Sibirien, die quasi von der Parade weg an die unmittelbar vor Moskau verlaufende Front verlegt wurden und im Rahmen der ersten sowjetischen Offensive ab dem 5. Dezember 1941 die deutschen Truppen von auch 21 Divisionen aus Sibirien 150 bis 250 km nach Westen zurückgeworfen wurden. So richtig ist bei mir dabei aber nicht im Gedächtnis gewesen, dass unter den gefallenen Rotarmisten auf dem Kampfweg von Moskau nach Berlin ja auch Soldaten und Offiziere aus Sibirien gewesen sein müssen.

Unser Freund Major Marek Aleksandrowicz von der Schützenvereinigung „Strzelec“ der Republik Polen lud uns ein, im Lebuser Land den Spuren von zwei Offizieren zu folgen, die Ihre letzte Ruhestätte auf polnischem Boden gefunden haben.
Marek hält persönliche Kontakte zur Pazifischen Marineoffiziershochschule „Makarow“ (TOWWMU) in Wladiwostok. Am 30. Mai 2026 fuhren wir nach Polen, um die Gräber von zwei Absolventen dieser Offiziershochschule aufzusuchen. Gegründet 1937 wurden und werden an dieser Bildungseinrichtung Offiziere für die Pazifikflotte der Sowjetunion in verschiedenen Profilen ausgebildet. Die hohe Wertschätzung, die diese Offiziershochschule bis heute in Russland geniest, wird dadurch sichtbar, dass sie seit 2017 in ununterbrochener Folge eine Marschformation zur jährlichen Siegesparade auf dem Roten Platz entsenden darf.

Im Juni 1941 brach die TOWWMU die reguläre Offziersausbildung ab und begann mit der Durchführung verkürzten Ausbildungslehrgängen von Offizieren für die Front. Vorwiegend wurden diese jungen Offiziere zu Artillerieeinheiten kommandiert. Unser Weg führte uns zuerst nach Gorzow Wielkopolski, zur dortigen Kriegsgräberstätte. Diese weist wohl für Polen eine Einmaligkeit auf. An dieser Stelle wurden sowohl Angehörige der Roten Armee als auch der Polnischen Streitkräfte, die an der Seite der Roten Armee kämpften, zur letzten Ruhe gebettet bzw. hierher umgebettet. Dies wird auch dadurch sichtbar, dass der zentrale Obelisk sowohl den Sowjetstern als auch den Polnischen Adler zeigt. Ihre letzte Ruhestätte auf diesem Friedhof fanden auch jene 819 Opfer eines Gestapo-Exekutionskommandos, das in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 fast alle Eingekerkerten des Zuchthauses/Straf- und Arbeitslagers Sonnenburg (oft auch als KZ Sonnenburg bezeichnet) massakrierten. Nachdem wir am zentralen Obelisken unser Blumengebinde niedergelegt hatten, führte uns Marek, der von 3 seiner Mitstreiter begleitet wurde, zur Grabstätte 210. An diesem Platz waren die sterblichen Überreste von Kapitänleutnant Kononow beerdigt, einem jener Absolventen des TOWWMU, die im Anschluss an ihre Ausbildung gegen die deutschen Okkupanten kämpften. Überwiegend kämpfte er in Artillerieeinheiten, war aber zeitweise auch im Bestand der Dnepr-Flotte eingesetzt. Am Grab 210 führten wir eine kleine Zeremonie durch. Wir legten Blumen nieder, Marek Aleksandrowicz nahm Auszeichnungen vor und via Video-Botschaft schickten wir Grüße nach Wladiwostok. Am Grab wurde auch der Brief von Kapitän 1. Ranges Michail Pyresin verlesen, der von unserer gemeinsamen Aktion erfahren hatte. Diesen Brief möchte ich Euch hier zur Kenntnis geben:

Уважаемые товарищи, дорогие друзья, братья! От имени всех воспитанников Тихоокеанского высшего военно-морского училища имени Степана Осиповича Макарова благодарю вас за вашу самоотверженную работу по сохранению памяти о наших старших товарищах – макаровцах, погибших во время Великой Отечественной войны. ТОВВМУ помнит о всех своих выпускниках!


Мы все просто восхищены Вашими, не побоюсь громких слов, героизмом и самоотверженностью, тем, что даже в нынешние непростых условиях, Вы бесстрашно отстаиваете и сохраняете историческую правду, помните о тех, кто освободил Европу, в том числе и Польшу от коричневой чумы фашизма, погиб при этом за нашу и вашу свободу. Низкий поклон вам от всех ТОВВМУ-шников ! Честь имею! Выпускник ТОВВМУ 1976 года капитан 1 ранга Михаил Пыресин

 

 

Sehr geehrte Genossen, liebe Freunde, Brüder! Im Namen aller Absolventen der nach Stepan Osipowitsch Makarow benannten Pazifischen Marineoffiziershochschule (TOWWMU) danke ich Ihnen für Ihren selbstlosen Einsatz zur Bewahrung des Andenkens an unsere älteren Kameraden – die Makarow-Absolventen, die während des Großen Vaterländischen Krieges gefallen sind. Die Pazifische Marineoffiziershochschule gedenkt all ihrer Absolventen! Insgesamt wurden während der Kriegsjahre 1031 Offiziere und Unteroffiziere aus der Offiziershochschule entlassen und auf Schiffen, in Verbänden und Truppenteilen eingesetzt. Die Absolventen der TOWWMU kämpften von den ersten Monaten des Krieges an in der Baltischen, Nord- und Schwarzmeerflotte, an den Landfronten als Teil der Marineinfanteriebrigaden bei Moskau und Leningrad, in der Arktis und bei Stalingrad und befreiten Europa vom Faschismus. Viele Absolventen der Offiziershochschule nahmen an den Kampfhandlungen der Pazifikflotte während des sowjetisch-japanischen Krieges im August und September 1945 teil. Sie zeichneten sich in Kämpfen gegen die nationalsozialistischen Besatzer sowie bei Einsätzen auf Schiffen und U-Booten aus und leisteten einen würdigen Beitrag zum Sieg des sowjetischen Volkes über Nazi-Deutschland und Japan. Leider kehrten 196 Absolventen der Offiziershochschule nicht von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zurück. Unter ihnen fielen mindestens drei im Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit Polens und ruhen nun in dessen Boden. Die Absolventen der vergangenen Jahre, die Führung, die Lehrkräfte sowie die Hörer der Pazifischen Makarow- Marineoffiziershochschule danken Ihnen allen aufrichtig und von ganzem Herzen dafür, dass Sie die Erinnerung an alle Absolventen der Pazifischen Makarow- Marineoffiziershochschule bewahren, die nicht aus dem Krieg zurückgekehrt sind, und die Massengräber auf polnischem Boden, in denen sie ruhen, in einem angemessenen Zustand erhalten. Wir alle sind einfach begeistert von Ihrem – ich scheue mich nicht vor großen Worten – Heldentum und Ihrer Selbstlosigkeit, davon, dass Sie selbst unter den derzeitigen schwierigen Bedingungen furchtlos die historische Wahrheit verteidigen und bewahren an diejenigen erinnern, die Europa, darunter auch Polen, von der braunen Pest des Faschismus befreit haben und dabei für unsere und Ihre Freiheit ihr Leben ließen. Eine tiefe Verbeugung vor Ihnen von allen Absolventen der TOWWMU! Mit freundlichen Grüßen! Absolvent der TOWWMU von 1976, Kapitän 1. Ranges Michail Pyresin

(Übersetzung Oberst a.D. Wolfgang Herzig)

 

Von der Kriegsgräberstätte fuhren wir zur ehemaligen Kaserne des 12. Mechanisierten Regiments gleichfalls in Gorzow Wielkopolski. Am ehemaligen Standort, dieses wohl 1995 aufgelösten Regiments, befindet sich ein Denkmal für die Helden des 12. Kolberger Infanterieregiments. Dieses Regiment erwarb sich in der Schlussphase des 2. Weltkrieges Ruhm. Es kämpfte an der Weichsel, am Pommernwall, bei Borujsko, vor Kolberg und im April/Mai 1945 in der abschließenden Lausitzer Operation.
Wir ehrten die Kämpfer dieses heldenhaften polnischen Truppenteils mit einem Blumengebinde und dem Senken unserer Fahne.
Anschließend fuhren wir ins, auf der halben Strecke zwischen Gorzow und der deutschen Grenze bei Küstrin, liegende Debno.
Im Unterschied zur Gorzow, dort liegt die Kriegsgräberstätte ziemlich am Stadtrand, befindet sich das Ehrenmal für die gefallenen Rotarmisten unmittelbar im Zentrum dieses Kleinstädtchens. Anders als in Gorzow mit Einzelgräbern für jeweils 5 Gefallene gibt es in Debno ein Gemeinschaftsgrab (братская могила) mit dem „üblichen“ Obelisken. Auffällig war aber, dass an diesen Obelisken einzelne Fotografien von, sicherlich an dieser Stelle zur letzten Ruhe gebetteten, Rotarmisten gelehnt waren. So auch das Foto vom Helden der Sowjetunion Gardeoberleutnant Awieliczew, der nach Abschluss seines Offizierslehrganges in einer Panzerjägereinheit eingesetzt wurde. Der Heldentitel wurde Gardeoberleutnant Awieliczew postum verliehen. Er fand den Tod kämpfend in der Stellung seiner Panzerjäger gegen überlegene faschistische Panzerkräfte. Wir ehrten ihn und die anderen an dieser Stelle beerdigten Rotarmisten durch Senken unserer Fahne und mit unserem Blumengebinde. Beim Verlassen des Ehrenmals wurden wir von einem betagten Bürger Debnos angesprochen, der sich auf einer Bank nebenan ausgeruht hatte, was wir denn am Ehrenmal getan hätten. Mithilfe unserer polnischen Freunde erläuterten wir ihm unser Handeln in Debno und verwiesen auch auf unsere Aktion in Gorzow.
Der Mann war sichtlich bewegt und danke uns herzlich.
Von Debno aus fuhren wir nach Kostrzyn zum gemeinsamen Mittagessen. Anschließend verabschiedeten wir uns von unseren polnischen Freunden. An dieser Stelle bedanken wir uns noch einmal bei Marek Aleksandrowicz für diese außerordentlich interessante, lehrreiche und auch sehr emotionale Exkursion.
Danke Marek!

Übrigens, unsere Exkursion wurde für Wert befunden zur Veröffentlichung auf der Web-Seite des Russischen Veteranenverbandes:
Чествование погибших за освобождение Польши героев Красной армии

 

Siegfried Eichner,
Regionalgruppe "Marschall der Sowjetunion W.I. Tschuikow", Berlin

 

 

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