01.05.2026

81. Jahrestag der Befreiung des Kriegsgefangenen-Lagers Zeithain (STALAG 304/IV H)

 

„Stell es Dir vor: ein schneidend kalter Wind fegt über das flache Land. Du hörst Hundegebell und brüllende Männerstimmen. Dann siehst Du ihn: Ein elender Zug, Männer in verdreckten und zerrissenen Uniformen, Sommeruniformen der roten Armee. Viele der Männer, die sie anhaben, tragen schmutzige, durchblutete Verbände. Einige werden von Kameraden gestützt. Der Zug schleppt sich zum großen Tor im Stacheldrahtzaun. Immer angetrieben durch das Geschrei der sie bewachenden Wehrmachtssoldaten und das Gebell der Bluthunde. Es gibt keine fertigen Unterkünfte, keine Toiletten, keine Möglichkeit sich zu waschen oder gar neue Kleidung. Und immer weht dieser beißend kalte Wind.
Die Wehrmachtssoldaten überlassen die Gefangenen sich selbst, schließen das Tor. Einige der Männer fangen an, andere folgen: Bald graben Hunderte mit einfachstem Werkzeug, Löffeln, Kochgeschirr oder bloßen Händen Löcher in den Boden. Erst flach, dann etwas tiefer, als Schutz vor dem Wind …“ 

 

Auf Einladung der Regionalgruppe „Friedrich Engels“ nahm ich am 23.4.2026 an der Gedenkveranstaltung zum 81.Jahrestag der Befreiung des Kriegsgefangenen-Lagers Zeithain (STALAG 304/IV H) in der Nähe von Riesa teil.

Die Leitung der Gedenkstätte hatte sich mit viel Engagement bemüht, einen würdigen Rahmen zu schaffen. Eine Handvoll Bundeswehrsoldaten stellten eine Ehrenwache. Aus der Landeshauptstadt war eine Gruppe Abgeordneter des Landtages erschienen. 

Ein großes Zelt schützte die zahlreichen Gäste vor dem schneidend kalten Wind. Es gab Musikstücke, dargeboten vom Posaunenquintett der Elbland Philharmonie, einen kunstvollen Kurzfilm „Vermisst in Zeithain“, Gebete Geistlicher unterschiedlicher Konfessionen und ein Podiumsgespräch mit Angehörigen von Opfern der menschenfeindlichen Lebensbedingungen im STALAG.

Mich berührte die Schilderung dieser Ukrainerinnen von dem jahrzehntelangen Trauma, nicht zu wissen, was mit dem vermissten Großvater bzw. Urgroßvater im Krieg geschehen ist. Und die Erleichterung, als sie endlich Gewissheit bekamen.

Zuvor hatte der Präsident des sächsischen Landtages in seiner kurzen Ansprache einen Bogen vom Erinnern an das Leid der Kriegsgefangenen hin zum Einsatz für die Demokratie in unserem Land geschlagen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die Politik dieses Erinnern zu instrumentalisieren versucht. Obwohl Erinnerungskultur ein politisch ausgehandelter, stetiger Prozess ist. Erinnerungskultur ist ein Instrument der Deutung – und Umdeutung – vergangener Ereignisse. Wer die Erinnerung beherrscht, hat die Möglichkeit die Zukunft nach seinem Geschmack zu gestalten.

Der Bezug auf die Demokratie ist inzwischen reflexartig in den Reden unserer Volksvertreter vorhanden. Demokratie kommt von „Demos“, dem Volk, bezeichnet sinngemäß die Herrschaft des Volkes, im Unterschied z.B. zur Autokratie, der Herrschaft Einzelner. Um die Herrschaft der „Vielen“ praktikabel zu handhaben, werden in unserem Land Vertreter gewählt, die die Interessen des Volkes vertreten sollten. Die allermeisten Menschen in unserem Land wünschen sich Frieden. Insofern wäre ein kleiner Abschnitt in der Rede über Frieden ein Zeichen gewesen, dass der Herr Präsident sich als Volksvertreter sieht. Aber vielleicht ist das zu viel verlangt, schließlich erwartet auch niemand von einem Zitronenfalter …

Ein anderer Volksvertreter hatte am Tag vor diesem Erinnern verkündet, Deutschland solle in naher Zukunft die mächtigste Armee Europas bekommen.
Was sagen eigentlich die Menschen in Deutschlands Nachbarschaft dazu? Glaubt der Herr Minister, sie könnten sich nicht mehr erinnern?

Heiko Flemming, Oberleutnant a.D.

 

 

 

 

 

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